PG 309 ?
von Tilo Kirchhoff, 08.04.2026
Nein, das steht nicht für Paul Gerhardt und seine 309 Lieder. Das hat mich tatsächlich schon mal jemand gefragt, ob das diese Abkürzung auf meinem Nummernschild bedeutet – das steht schlicht für Peugeot 309! Obwohl ich viele Lieder (von denen es 26 in unser Gesangbuch geschafft haben) von Paul Gerhardt liebe, SO ein Fan bin ich nicht.

Ich erinnere mich an früher, da habe ich mit meiner Schwester gewettet, ob es mal einen Gottesdienst ohne ein Lied von Gerhardt gibt. Es gab ihn – aber selten. Hat er doch über 130 Lieder und Gedichte verfasst (die nachweislich von ihm sind, es sollen noch einige mehr sein). Ich stand damals als Teenie nicht so auf den ollen Paul – das musste laut, rhythmisch und fetzig sein! Es war ein Genuss, mal einen Gottesdienst mit der Geilsdorfer Band, den Pichelsteinern oder den Herzschrittmachern zu erleben. Selbst da schlich sich ab und an ein Textteil von Paul Gerhardt ein. Später habe ich mich dann im Asaph – Chor mit genügend moderner Kirchenmusik ausgetobt, das war cool. Genau in dieser Zeit sind mir unsere alten, zeitlosen Gesangbuchlieder erst wichtig geworden. Die vertrauten Melodien, die Texte, die heute noch voll ins Schwarze treffen – man muss sie ja nicht so langsam singen, dass die Luft nicht reicht! (Ja ich weiß – ich spiele oft zu schnell, aber bin ich nicht jeden Sonntag an der Orgel, die langsamen dürfen auch :-) Viele der Texte sind so leicht und fröhlich, die Melodien fast tanzbar – man kann sie gar nicht „verschleppen“! Was mich bei Paul Gerhardt so fasziniert, ist der vorwiegend volkstümliche, gut verständliche Schreibstil, die perfekte Versform und Formulierungen, die selbst heute noch „in“ sind. Und das Zeug ist mindestens 360 Jahre alt!
Nach seiner Amtsenthebung in Berlin 1666 und in seiner Zeit in Lübben bis zu seinem Tod am 27.5.1676 hat Gerhardt nichts mehr gedichtet. Überhaupt, ich hätte nicht mit ihm tauschen wollen: Geboren kurz vor Beginn des 30 jährigen Krieges, mit 12 Jahren schon Vollwaise – aber nicht mittellos, der Vater war Gastwirt. Sechs Jahre strenges Internat (Fürstenschule) und dann mindestens 12 Jahre Studium in Wittenberg (mit Zeiten als Hauslehrer dazwischen). Erst mit 44 Jahren die erste feste Pfarrstelle und mit 48 Jahren dann glücklich verheiratet. Von 5 Kindern hat nur ein Sohn überlebt, die anderen vier sind kein Jahr alt geworden. Nach13 Ehejahren ist seine Frau verstorben. In den Jahren sind seine meisten und bekanntesten Lieder entstanden, erst in Mittenwald und dann in Berlin. Aber die „gute“ Berliner Zeit mit vielen Freunden endete böse. Weil er als überzeugter Lutheraner ein Schriftstück zur Versöhnung mit den „Reformierten“(Anhängern von Calvin) nicht unterzeichnen wollte, flog er aus dem Pfarramt. Er war froh, mit über 60 Jahren noch eine Pfarrstelle in Lübben zu bekommen, aber Paul Gerhardt und die Lübbener haben sich gegenseitig das Leben schwer gemacht. Keine kleinen Privilegien für den großen Dichter mehr, ein abbruchreifes Pfarrhaus und unregelmäßige Einkünfte machten dem Witwer seine letzten Jahre sauer.
GEH AUS mein Herz und SUCHE Freud – das ist durchaus wörtlich zu nehmen. Zu Hause war oft nicht viel Freude. Und zuletzt viel Leid und Bitterkeit. Wir können diese Lieder fröhlich singen – und tun das auch. Leid gehörte zu Paul Gerhardts Leben dazu, tiefes Leid. Das Lied: „Oh Haupt voll Blut und Wunden“ drückt das ganz bildhaft aus. Aber immer mit Blick und Trost auf das Kommende.
Ich wünsche mir, dass wir seine Lieder ganz bewusst singen (nicht nur die ersten 3 Strophen) und darüber froh werden können.
Eine schöne (liebe) Sommerzeit mit Gottes guten Gaben wünscht
Euch Euer Thomas Appel
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