titel

Brauchen wir Gottesdienst?

Ja ❏ / Nein ❏ / Vielleicht ❏

von Philipp-Immanuel Albert, 03.03.2022

Silhouette Frau vor SonntenuntergangDie Frage mag den einen erschrecken, ein anderer blättert gelangweilt weiter. Aber mir scheint, dass es in unserer Generation wieder eine ehrliche Frage sein muss. Und ich wünsche mir viel mehr ehrliche und offene Gespräche dazu – völlig ohne den Druck von irgendwelchen Erwartungen, ohne die Angst, dass jemand dann wegen seiner Meinung als „so ein Kirchgänger“ oder „schlechter Christ“ abgestempelt wird. Was weckt in uns die Sehnsucht zum Gottesdienste? Was steht Gottesdiensten im Weg? Oder was stößt sogar ab, dass man lieber fern bleibt? Als junger Pfarrer interessiert es mich brennend, was Sie dazu denken und was der Gottesdienst für Sie bedeutet!

Hier ein paar Gedanken von mir: Ich liebe unser Wort „Gottesdienst“! Denn es beschreibt zwei Seiten einer Medaille:

Zum einen: Diese gemeinsame Stunde voller Geheimnisse zwischen Himmel und Erde ist ein Dienst für Gott. Wir kommen dort zusammen um Gottes Willen. Wir schenken ihm etwas von unserer Zeit, verehren ihn mit unseren Gebeten und Liedern. Und wenn es Gott schenkt, geraten wir darüber ins Staunen und entdecken unser Leben neu aus der Perspektive des Himmels.

Es gibt leider auch ein Zerrbild von diesem herrlichen Dienst für Gott: In diesem verdrehten Bild führt Gott Strichliste: wenn da ein paar Striche fehlen, sollte man besser gar nicht wiederkommen. Gott sieht dort jeden Fleck auf der Sonntagskleidung, er kann Babygeschrei nicht ausstehen, gönnt uns das Ausschlafen nicht und will das Taschengeld mit der Kollekte kassieren. Schließlich verfolgt er einen mit seinen Ansprüchen aus der Bibel in die nächste Woche.

Genau deshalb ist für mich auch die zweite Bedeutung von Gottesdienst so wichtig: Es ist Gottes Dienst für uns! Gott will uns dienen! Der Gott der Ewigkeit nimmt auf besondere Weise diese Zeit als Gelegenheit um uns nahe zu kommen. Jesus sagt einmal: Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich selbst in ihrer Mitte. (Mt 18,20) Mit Gott in der Mitte meines Lebens und unserer Gemeinschaft entdecke ich, worauf es im Leben ankommt. Ich erlebe immer wieder, wie sich die Dinge dort ordnen, wie ich Kraft und Mut für ein aufrichtiges Leben empfange. Ich merke neu, wie ich auch im Schweren getragen werde. „Die anderen“ werden mir ganz nah durch das, was Jesus für uns gemeinsam getan hat.

Auch dieser Dienst Gottes an mir hat ein Zerrbild: Da ist jeder Gottesdienst ohne tiefe Ergriffenheit vergeblich gewesen. Ohne meine Lieblingslieder und den richtigen Prediger kann Gott nicht zu mir reden und alle „Brüder und Schwestern im Herrn“ müssen mir sympathisch sein. 

Das Bedürfnis danach, dass Gott uns dient und ebenso ihm zu dienen ist unterschiedlich groß. Das hängt zum Teil an unseren Prägungen, an Traditionen und persönlichen Erfahrungen. Was weckt in uns diesen Wunsch? Was stillt oder hindert dieses Verlangen?